Kfz fährt Radfahrer an - Radfahrer ist schuld

Vor rund acht Jahren entdeckte Daniel Bockmeyer das Fahrradfahren für sich. Dann wurde er bei einem Unfall von einem Auto erfasst. Heute fährt er wieder Fahrrad und möchte andere Radfahrer:innen für die Gefahren im Straßenverkehr sensibilisieren.

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Wer ist Daniel?

Er fährt seit etwa sieben bis acht Jahren leidenschaftlich Fahrrad. Angefangen hat alles mit einer Probefahrt. Davor hatte er ein sehr schlechtes Fahrrad und wusste gar nicht, wie viel Spaß Radfahren machen kann. Nach der ersten richtigen Probefahrt dachte er: „Krass – das ist also Fahrradfahren." Seitdem erledigt er innerhalb Mannheims fast alles mit dem Fahrrad. Es ist für ihn das wichtigste Verkehrsmittel. Mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, ergibt für ihn kaum Sinn. Mit dem Fahrrad ist er schnell unterwegs und hat dabei vor allem eines: Spaß.

Dann kam der Unfall. Was ist passiert?

Daniel war vom Wasserturm kommend über die Tullastraße unterwegs und wollte in die Berliner Straße fahren. Dort stand ein Auto. Eine Frau saß darin und schaute nach links und rechts, setzte aber keinen Blinker. Er schaute selbst in beide Richtungen und sah zunächst kein herannahendes Fahrzeug. Auch das Auto schien weiterhin stehen zu bleiben. Dann fuhr er los. Plötzlich beschleunigte die Frau. Für ihn wirkte es, als hätte sie die Kupplung schnalzen lassen. Das Auto fuhr direkt auf ihn zu und schleuderte ihn von seinem Fahrrad. Er landete auf der Straße und konnte sich zunächst nicht mehr bewegen.

Wie ging es danach weiter?

Die Rettungskräfte kamen und legten ihn in eine Vakuummatratze. Anschließend wurde er ins Theresienkrankenhaus gebracht. Seine stärksten Schmerzen hatte er zwischen den Schulterblättern. Für ihn fühlte es sich zunächst wie eine extreme Verspannung an. Er wurde geröntgt und kam wieder in die Notaufnahme. Etwa zweieinhalb Stunden später fragte ihn ein weiterer Mitarbeiter mit medizinischem Hintergrund, welche Beschwerden er habe. Daniel Bockmeyer erzählte, dass Zeige-, Mittel- und Ringfinger kribbeln würden. Die Reaktion war sofort anders. Die Person bekam große Augen, ging weg und Daniel Bockmeyer hörte kurz darauf einen Arzt sagen: „Wow, krass. Der muss sofort in die BG, der muss operiert werden.“ Die Diagnose: Genickbruch. Dann kam der Arzt zu ihm und sagte einen Satz, den er bis heute nicht vergessen hat: „Herr Bockmeyer, ich weiß nicht, ob Sie das überleben oder ob Sie halsabwärts gelähmt sein werden.“

Wie hat er das in diesem Moment aufgenommen?

Eigentlich konnte er es überhaupt nicht glauben. Er hatte zwar starke Schmerzen und konnte nicht alleine aufstehen, aber ansonsten fühlte er sich gar nicht so schwer verletzt. Er konnte laufen, war sogar auf der Toilette gewesen und konnte seinen Kopf bewegen. Zwischendurch hatte er sogar Dehnübungen gemacht. Auf dem Weg in die BG dachte er deshalb zunächst: Das kann doch nicht sein. Er hat doch „nur“ Schmerzen. Wie sollte er daran sterben oder gelähmt werden? Gegen 22 oder 23 Uhr kam er in der BG an. Der Unfall war gegen 15:30 Uhr passiert. Dort merkte er schnell, dass die Situation von den Ärzten deutlich ernster eingeschätzt wurde.

Wie hat er die Operation erlebt?

Er wurde für die Anästhesie vorbereitet. Obwohl er bereits mehrere Operationen hinter sich hatte, fühlte sich diesmal alles anders an. Im Anästhesieraum herrschte absolute Stille. Für ihn war das richtig gruselig. Dann bekam er die Maske. Tief einatmen. Von 100 rückwärts zählen. Weitere Erklärungen gab es in diesem Moment nicht. Es folgte eine Notoperation am vorderen Hals zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Dabei wurden eine Titanplatte und eine künstliche Bandscheibe eingesetzt. Diese bleiben dauerhaft im Körper. Fünf Tage später wurden zusätzlich zwei Stangen, ein sogenannter Cage, vom fünften Halswirbel bis zum ersten Brustwirbel eingesetzt. Nach zehn Monaten wurde dieser wieder entfernt. Eine andere Operationsmöglichkeit wäre eine Platte über mehrere Wirbel von hinten gewesen. Während der Operation entschieden sich die Ärzte jedoch dagegen, weil sich dort sehr viele Muskeln befinden. Nach der Operation sagten die Ärzte bei einer MRT-Untersuchung zu ihm: „Es hat gerade so gereicht mit den Wirbeln, dass wir die Schrauben setzen konnten. Wir in Ludwigshafen haben die dicksten Schrauben in Deutschland.“

Wie lange dauerte die Genesung?

Etwa zehn Tage blieb Daniel im Krankenhaus. Sein Hals war komplett steif, trotzdem konnte er bereits wieder laufen. Sechseinhalb Wochen musste er rund um die Uhr eine Halskrause tragen. Die Opiat-Schmerzmittel konnte er bereits nach zwei Tagen absetzen. Anschließend nahm er ungefähr eine Woche lang dreimal täglich 600 Milligramm Ibuprofen. Mit der Reha durfte er erst nach neun Wochen beginnen, weil sich die Muskulatur nach der Operation länger erholen musste. Die ambulante Reha fand fünf Tage pro Woche statt. Insgesamt war er vier Monate krankgeschrieben. Während der Reha begann er langsam wieder mit Sport. Zunächst mit Physiotherapie und Yoga, später auch mit einzelnen Fitnessübungen und Gewichten. Sein Physiotherapeut war überrascht, wie gut er sich bereits bewegen konnte. Er war davon ausgegangen, dass Daniel noch deutlich stärker eingeschränkt sein würde.

Wann konnte er wieder Sport machen?

Auf die Frage, wann er wieder Sport machen dürfe, bekam er eine einfache Antwort: „Bis es weh tut.“ Drei Monate dauerte es, bis er wieder Liegestütze machen konnte. Bis heute ist eine Seite deutlich schwächer als die andere. Im Alltag merkt er davon allerdings nichts. Auffällig wird es nur beim Sport. Die Physiotherapie macht er weiterhin einmal pro Woche. Vor allem ein Muskel neben dem linken Schulterblatt bereitet ihm noch Probleme. Nach der Reha konnte er schließlich auch wieder Fahrrad fahren.

Hat der Unfall auch rechtliche Folgen gehabt?

Ja. Daniel erstattete Anzeige gegen die Autofahrerin. Dabei ging es ihm nicht in erster Linie um Schmerzensgeld. Ihm war wichtig, dass die Frau dafür zur Verantwortung gezogen wird, einen Radfahrer angefahren zu haben. Sein Anwalt ging zunächst von einer Schuldverteilung von etwa 20 Prozent für den Radfahrer und 80 Prozent für die Autofahrerin aus. Im weiteren Verfahren wurde ihm jedoch die vollständige Schuld zugeschrieben. Die Argumentation war unter anderem, dass er aus einem Fußgängerbereich mit abgesenktem Bordstein gekommen sei und hätte warten müssen, bis das Auto weiterfährt. Die Autofahrerin selbst hat Daniel Bockmeyer nie wieder gesehen. Auch vor Gericht erschien sie nicht. Am Ende wurde ihm ein Vergleich von 4.000 bis 5.000 Euro angeboten. Der Richter riet ebenfalls dazu, dieses Angebot anzunehmen. Daniel nahm das Angebot an. Das Verfahren wurde daraufhin eingestellt und die Autofahrerin freigesprochen. Für ihn war das ein bitterer Moment. Er verließ das Verfahren mit dem Gefühl, selbst schuld zu sein – obwohl der Unfall für ihn in einer Fahrradstraße passiert war. Zu Hause angekommen, war er schlecht gelaunt und trank einen Whiskey.

Was möchte er anderen Radfahrern mitgeben?

Sein wichtigster Tipp lautet: vorausschauend fahren.

Sobald Autos in der Nähe sind, sollte man besonders vorsichtig sein und immer damit rechnen, dass ein Autofahrer etwas Unerwartetes macht. Wenn kein Schutzstreifen oder Radweg vorhanden ist, hält er es außerdem für wichtig, den Verkehr aufmerksam zu beobachten und ausreichend Abstand zu halten. Einbahnstraßen, die für den Radverkehr in beide Richtungen freigegeben sind, meidet er mittlerweile. Und wenn es doch zu einem Unfall kommt, hat er einen ganz klaren Rat:

Zum Anwalt gehen. Unbedingt.

Eine Erstberatung sei vergleichsweise kostengünstig. Aus seiner Erfahrung heraus würde er heute nicht mehr darauf verzichten. Denn eines hat der Unfall für ihn verändert: Fahrradfahren macht ihm immer noch Spaß. Aber seitdem weiß er auch, wie schnell eine ganz normale Fahrt durch die Stadt das Leben verändern kann.

(Foto: Cage)

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