Was Daten über Mannheims Radverkehr verraten – und was nicht
Frei zugängliche Dashboards, eine Liste mit Problemstellen im Radnetz, ein Stadtteil ohne Zebrastreifen: Was 43 Teilnehmende beim Q2 DataRide 2026 aus offenen Daten zum Mannheimer Radverkehr herausgeholt haben – und wo die Daten nicht weiterhelfen.
43 Menschen, fünf Fragestellungen, ein Nachmittag und Abend im Stadthaus: Beim Q2 DataRide 2026 haben wir versucht, dem Mannheimer Radverkehr mit offenen Daten auf die Spur zu kommen. Herausgekommen sind zwei öffentliche Dashboards, eine Liste mit 20 Problemstellen, ein Stadtteil ohne einen einzigen Zebrastreifen – und die Erkenntnis, dass die Datenlage für viele Fragen schlicht nicht ausreicht.
Die Ausgangsfrage
„Wenn du mit Daten etwas am Radverkehr in Mannheim ändern könntest – wo würdest du anfangen?"
Mit dieser Frage haben wir am 24. April 2026 ins Stadthaus eingeladen. Gekommen sind 43 Teilnehmende: Studierende und Forschende von Uni und Hochschule Mannheim, vom ZEW und vom KIT, Menschen aus der Stadtverwaltung, vom Verkehrsministerium Baden-Württemberg und der NVBW, Beschäftigte von SAP, Deutscher Bahn, adesso, Pepperl+Fuchs und Osapiens – und Radfahrende, die einfach wissen wollten, was in den Zahlen steckt. Jemand, der beruflich Künstliche Intelligenz anwendet, saß neben jemandem, der die Schwetzinger Straße jeden Tag mit dem Rad fährt. Genau daraus entstehen die interessanten Fragen.
Was dabei herausgekommen ist
Zwei öffentliche Dashboards. Unter mannheim.adfc.de/daten findet ihr die Zahlen der Mannheimer Radzählstellen, täglich aktualisiert und mit kompletter Historie. Wer wissen will, ob dieses Jahr mehr Menschen über die Kurpfalzbrücke fahren als letztes, kann das selbst nachschauen. Unter mannheim.adfc.de/unfaelle gibt es dasselbe für Unfälle, inzwischen auch für Unfälle mit Fußgängerinnen und Fußgängern.
20 Problemstellen im Radnetz. Eine Gruppe hat das offizielle Radnetz systematisch nach Schwachstellen durchsucht: Wo ist es unsicher? Wo kostet die Führung unnötig Zeit? Wo ist der Belag schlecht, wo wird zugeparkt? Entstanden ist eine Tabelle mit 20 bewerteten Stellen, jeweils mit Erläuterung und Street-View-Link. Diese Liste haben wir am 9. Juli dem Fachbereich Geoinformation und Stadtplanung (FB 61) offiziell übergeben.
Mannheim hat die wenigsten Zebrastreifen
Unter den baden-württembergischen Städten ab 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern hat Mannheim die wenigsten Fußgängerüberwege pro Kopf. Besonders auffällig sind die Lücken in der Neckarstadt – dort gibt es keinen einzigen – und in der Schwetzinger Vorstadt, wo ein einziger auf Höhe der Pestalozzischule liegt.
Grundlage ist das Verkehrszeichenkataster des Landes. Zugang dazu hatten wir schon beim Q2 DataRide 2026, exklusiv und noch vor der Veröffentlichung – dafür danken wir dem Verkehrsministerium Baden-Württemberg. Seit Juni steht der Datensatz allen offen: Verkehrszeichen Baden-Württemberg bei MobiData BW. Ein Vorbehalt gehört dazu: Das Kataster wächst noch, einzelne Zeichen können fehlen oder veraltet sein und manche der erfassten Zeichen stehen auf Privatgrundstücken.
Das ist mehr als ein Komfortproblem: Die Unfallforschung der Versicherer stuft richtig angelegte Zebrastreifen als sicher ein, so sicher wie ampelgeregelte Übergänge.
Netzlücken im Nordwesten und Südosten
Für Schönau und Sandhofen ist Luzenberg ein stressiges und unkomfortables Nadelöhr; eine Alternativroute existiert schlicht nicht. Trotzdem zählt die Dauerzählstelle dort nur halb so viele Fahrten wie die an der Lindenhof-Überführung – und das, obwohl sich der Verkehr am Lindenhof auf mehrere Routen verteilen kann, am Luzenberg aber nicht. Dazu kommt: In Schönau und Sandhofen gibt es keine einzige VRN-Nextbike-Station, in Rheinau im Mannheimer Südosten ebenso wenig (siehe “Fahrradverleih”). Wer dort kein eigenes Rad hat, hat kein Angebot.
Beide Räume liegen am Rand der Stadt und werden im Netz auch so behandelt. In den Daten wird das sehr deutlich sichtbar.
Weitere Empfehlungen
Winterdienst. Stadtradeln-App-Daten und die Dauerzählstellen zeigen ziemlich genau, welche Routen der Radverkehr tatsächlich nutzt. Diese Auswertung sollte in die Priorisierung des Winterdienstes einfließen – bisher decken sich die Räumprioritäten damit nur teilweise. Ein gemeinsamer Termin mit Stadtraumservice und FB 61 für den Winter 2026/27 wird gerade abgestimmt; den datenbasierten Routenvorschlag bringen wir mit.
Das RadNETZ BW. Die Landesrouten führen teils über Straßen, die objektiv unsicher und subjektiv unangenehm sind, obwohl es Alternativen gäbe – Berliner Straße statt Friedrichring, Mönchwörthstraße statt Neckarauer Straße. Und die Radschnellwege RS2 und RS15 sind bisher gar nicht Teil des Netzes. Hier schlagen wir vor, dass Stadt und ADFC Mannheim/QuadRadEntscheid gemeinsam Rückmeldung ans Land geben.
Falschparken. Beim ADFC-Fahrradklimatest 2024 war „Falschparkkontrolle auf Radwegen" mit der Note 5,1 das schlechteste Einzelkriterium für Mannheim – auf einer Skala von 1 bis 6. Unsere Forderung: mehr Kontrollen auf Rad- und Gehwegen.
Was die Daten nicht hergeben
Die eigentlich spannende Erkenntnis des Tages war eine Lücke.
Mannheim hat 13 Dauerzählstellen. Sie decken wichtige Knotenpunkte ab – für Innenstadt, Oststadt und Schwetzingerstadt gibt es allerdings keine einzige, für den RS15 ebenfalls nicht. Wer wissen will, wie sich der Radverkehr in der Stadt entwickelt und verlagert, misst also an wenigen Punkten und schätzt den Rest.
Dazu kommt ein zweites, unscheinbares Problem: Die Stadt veröffentlicht Baustellen nur, solange sie aktiv oder geplant sind. Danach verschwinden sie aus den Daten. Ein Knick in einer Zeitreihe lässt sich im Nachhinein deshalb kaum noch erklären – man weiß schlicht nicht mehr, wo damals gebaut wurde.
Wie sich das auswirkt, zeigt ausgerechnet die prominenteste Zählstelle der Stadt. Über die Kurpfalzbrücke fahren seit dem BUGA-Jahr 2023 spürbar weniger Menschen mit dem Rad; 2025 waren es 113.000 Fahrten weniger als im Vorjahr. Fernmeldeturm und Renzstraße legen zusammen aber nur um rund 60.000 zu. Die naheliegende Erklärung – Verlagerung auf den 2023 eröffneten RS15 – deckt damit nur etwa die Hälfte ab. Fahren weniger Leute Rad? Lag es an einer Baustelle? Fahren sie zwar über den RS15, aber nicht am Fernmeldeturm vorbei? Mit den vorhandenen Daten lässt sich das nicht entscheiden.
Und das ist der Fall, in dem wir wenigstens saubere Zahlen haben. Für den größten Teil des Netzes gibt es sie gar nicht.
Zwei unserer zentralen Vorschläge folgen daraus: mehr Zählungen mit mobilen Zählstellen, deren Daten öffentlich sind – vor allem dort, wo Verlagerungen zu erwarten sind – und ein Archiv für Baustelleninformationen, wenigstens für die größeren. Das kostet wenig und macht künftige Auswertungen überhaupt erst möglich. Entscheidend sind immer der Kontext und das Hintergrundwissen zu den jeweiligen Dauerzählstellen. Diese möchten wir bei den Hackathons aufdecken.
Wie es weitergeht
Mit der Uni Mannheim wollen wir im August ein Projekt zu der Frage starten, ob sich die Qualität der Radinfrastruktur per KI-gestützter Videoanalyse bewerten lässt. Mit dem KIT Karlsruhe loten wir aus, ob sich Lücken in den Zähldaten rechnerisch schließen lassen. Und es wird eine Fortsetzung geben: Der Q2 DataRide 2027 ist bereits in Planung.
Mitmachen
Man muss nicht programmieren können. Wer Mannheim mit dem Rad kennt, bringt genau das mit, was in keinem Datensatz steht – Ortskenntnis. Eine Problemstelle, die auf unserer Liste fehlt? Beim nächsten Mal dabei sein oder schon vorher mitdenken? Schreibt uns:
Ein herzlicher Dank an die Stadt Mannheim als institutionellen Sponsor und Datenlieferanten, insbesondere an Gabriele Fröhlich und den Fachbereich 61 (Geoinformation und Stadtplanung). Danke an die Stiftung CO2 und cerebricks für die finanzielle Unterstützung sowie an das Verkehrsministerium Baden-Württemberg, die Universität Mannheim, das ZEW und Smart City Mannheim.







Impressionen aus dem Hackathon
Bild 1: Arbeitsphase im Sitzungsaal Toulouse
Bild 2: Arbeitsphase im Sitzungssaal Swansea 1
Bild 3: Arbeitsphase im Sinzungssaal Swansea 2
Bild 4: Orga-Team und Keynotes
Bild 5: Elke Zimmer, Staatssekretärin im Verkehrsministerium Baden-Württemberg
Bild 6: Ralf Eisenhauer, Bürgermeister für Planuing, Bauen, Verkehr und Sport
Bild 7: Foto bei der Vorstellung der Challenges
-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-
Komm zu uns auf Signal 🤝
Unterstütze unsere Arbeit durch deine Spende 🚀
-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-=-